Biografie: Horst Selbiger  
     
  „Durch mein Leben habe ich gelernt: Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen!“
(H.S. in einer Rede anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz.)
 
     
 
Horst Selbiger wurde 1928 in Berlin geboren. Er stammt aus einer sehr großen, weit verzweigten jüdischen Familie, die schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Westpreußen nach Berlin übergesiedelt war. Sein Vater war Zahnarzt. Als Kind wurde Horst Selbiger jüdisch erzogen, obwohl seine Mutter keine Jüdin war.
 
     
   
  Horst Selbiger während des Video-Interviews, 20.11.2014, Zehdenick  
 

Mit der Einschulung 1934, nur ein Jahr nach der Machtergreifung durch die Nazis, verschärften sich für den damals Sechsjährigen die Erfahrungen mit einer zunehmend antisemitisch geprägten Umwelt. Ab 1938 besuchte er, bis zu deren Schließung, die Jüdische Schule. Er musste den „Judenstern“ tragen, den Zwangsnamen „Israel“ annehmen und ab 1942 Zwangsarbeit verrichten.
 
     
   
  Horst Selbigers Ausweis von 1944 (inkl. des Zwangsnamens "Israel")  
     
 
Im Februar 1943 kam es zur später so genannten „Fabrik-Aktion“: Gestapo und SS riegelten in einer Großrazzia ca. 100 Berliner Betriebe ab und transportierten die dort beschäftigten Zwangsarbeiter auf offenen Lastkraftwagen zu vorbereiteten Sammelstellen. Unter den Verhafteten war auch Horst Selbiger.
Er wurde in die Synagoge Levetzowstraße gebracht, wo er die Nummer für den Transport in das Konzentrationslager Auschwitz erhielt und die sogenannte „Vermögenserklärung“ ausfüllen musste, die den NS-Behörden die „Verwertung“ des Eigentums der Deportierten erleichtern sollte.
 
     
   
  Ausschließungsschein aus der Wehrmacht, 1944  
     
 
Nach dem berühmt gewordenen Aufstand in der Rosenstraße, bei dem Hunderte „arische“ Ehefrauen gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Männer protestiert hatten, wurde er in eine Sammelstelle transportiert und traf seinen ebenfalls verhafteten Vater wieder. Beide blieben ca. 14 Tage in Haft, dann wurden sie zur Zwangsarbeit bei der Trümmerbeseitigung eingesetzt. Trotz der sogenannten „Mischehe“ seiner Eltern, sind Horst und sein Vater nur knapp der Deportation entgangen.
 
 
 
   
  Ausweis Horst Selbigers, ausgestellt während der Nazizeit - verlängert am 04.08.1945  
     
 
Wie viele andere Verfolgte, die eine gänzlich andere Gesellschaft errichten wollten, ging Horst Selbiger nach Kriegsende in die DDR, in der Hoffnung, beim Aufbau eines antifaschistischen deutschen Staates mitarbeiten zu können. Er wurde Mitglied der SED, besuchte die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, wo er das Abitur ablegte und wurde Journalist.
 
     
   
  Mitgliedsausweis des Verbands der Schriftsteller der DDR, 1958  
     
 
Er arbeitete einige Jahre in seinem Beruf, kam jedoch immer wieder in Konflikt mit den staatlichen Stellen, bzw. der Zensur, wenn seine Artikel nicht den Wünschen der Partei, der offiziellen Linie entsprachen. Dennoch wurde er 1964 im Auftrag der Zeitung „Neues Deutschland" zum Auschwitzprozess nach Frankfurt geschickt. Dort sollte er eine Reportage darüber schreiben, wie die Bevölkerung über den Prozess denkt. Nachdem bereits zwei Parteiverfahren hinter ihm lagen und ihm das dritte bevorstand, nutzte er diese Gelegenheit, um sich abzusetzen. Er kehrte nicht in die DDR zurück.
 
     
   
  Mitgliedsausweis des Verband der Journalisten der DDR  
     
 
Horst Selbiger ging ins damalige Westberlin, wo auch seine Eltern lebten. Sein Neuanfang in der BRD sollte kein leichter werden, stand er doch unter dem Zeichen des Kalten Krieges. Das westliche Deutschland war noch an vielen entscheidenden Stellen durchsetzt von ehemaligen Nazis und Mitläufern, und einem geflohenen Journalisten aus der DDR, ehemaliges SED-Mitglied dazu, wurden die Türen eher zugeschlagen als geöffnet.
Die Anerkennung als rassisch und politisch Verfolgter musste er in jahrelangen Prozessen erstreiten, weil die zuständigen Behörden seine journalistischen Arbeiten in der DDR als „gegen die freiheitlich-demokratische Ordnung gerichtet“ ansahen. Sein Antrag auf Entschädigung wegen des zur Nazi-Zeit erlittenenen Unrechts wurde trotz erheblicher verfolgungsbedingter Gesundheitsschäden abgelehnt.
 
     
   
  Ausweis des VDN "Verfolgter des Naziregimes" (DDR-Verband), 1953  
     
 
Horst Selbiger ist bis heute ein politisch engagierter Bürger geblieben und gibt seine Erinnerungen und sein Engagement in vielen Veranstaltungen als Zeitzeuge weiter.
 
     
   
  Horst Selbiger während des Video-Interviews, 20.11.2014, Zehdenick  
     
     
  Child Survivors Deutschland e.V.  
 
Heute ist Horst Selbiger Ehrenvorsitzender des Vereins „Child Survivors Deutschland – Überlebende Kinder der Shoah“. Zuvor wirkte er viele Jahre als dessen Vorsitzender.

Der „Verein Child Survivors Deutschland e.V. – Überlebende Kinder der Shoah“, ein Verein von Betroffenen für Betroffene gründete sich am 13. April 2001.
Kinder, die in der NS-Zeit wegen ihres Judentums, beziehungsweise ihrer jüdischen Wurzeln verfolgt worden sind, haben sich in diesem Verein zusammen geschlossen.
Unter den Vereinsmitgliedern sind Juden im Sinne der Halacha, einige sind Christen, andere sind durch die Verwicklungen des Holocausts zum Verein gestoßen.
Zu den Child Survivors gehören Kinder von Emigranten, versteckte Kinder, die bei Freunden oder Fremden überlebten, im Kloster aufwuchsen, adoptiert waren, mit fremder Identität erwachsen wurden - Kinder, die oft in letzter Minute getrennt von ihren Eltern, durch Kindertransporte überhastet ins Ausland gerettet wurden und jene, die als Sklaven Zwangsarbeit leisten mussten oder geschunden die Todeslager überlebten.
Wenn Sie mehr über den Verein erfahren wollen, finden Sie hier dessen Website: www.child-survivors-deutschland.de

 
     
   
     
 
Auf der Website des Vereins können Sie auch eine Auswahl von Video-Interviews mit verschiedenen Zeitzeugen des Vereins ansehen, u.a. eines mit Horst Selbiger.
 
     
     
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