Stolpersteine

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ (Gunter Demnig)

Die AG „Stolpersteine“ will an Opfer des Nationalsozialismus in Oranienburg erinnern

Seit Herbst 2007 arbeitet eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 12 an dem Projekt „Stolpersteine“, das 1992 von dem Kölner Künstler Gunter Demnig initiiert wurde und mittlerweile in vielen deutschen Städten durchgeführt wird. Mit der Arbeit soll an die im Nationalsozialismus ermordeten Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Euthanasieopfer und an die politisch und religiös Verfolgten erinnert werden. Zum Gedenken sollen „Stolpersteine“ mit dem Namen und den Lebensdaten der Opfer vor ihrem ehemaligen  Wohnhaus auf dem Gehweg verlegt werden. Neben der Recherche in Archiven zu den Daten, kümmern sich die Schülerinnen und Schüler auch um Sponsoren für die Stolpersteine, erstellen eine Dokumentation des Projekts und bereiten die Verlegung der Gedenksteine vor, die im Juli 2008 stattfinden soll.

Begleitet wird das Projekt durch Minette von Krosigk als Mitglied des Fördervereins für interkulturelle Bildung und Begegnung e.V. (FiBB e.V.) in Oranienburg.
Weitere Informationen folgen in Kürze.

 

Schülerinnen und Schüler legen Stolpersteine in Zehdenick

„Du kannst´n Buch aufschlagen und liest: sechs Millionen ermordete jüdische Bürger. Das bleibt auch für mich, obwohl ich nun wirklich in dieser Thematik drin bin, ein so abstrakter Begriff. Das ist so unfassbar. Aber ich denke, wenn man sich wirklich mit einzelnen Schicksalen befasst, das wird´n handfester Geschichtsunterricht.“ (Gunter Demnig am 30.09.2006 in Zehdenick)
Mit dem Projekt „Gegen Vergessen – Stolpersteine für Zehdenick“ beschäftigen sich seit dem Frühjahr 2006 Schülerinnen und Schüler des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums, um auch in ihrer Kleinstadt, 60 Kilometer nördlich von Berlin, an die ehemaligen jüdischen Mitbürger zu erinnern. Den Opfern des Holocaust einen Namen geben – das haben sie sich zum Ziel gesetzt. Seit dem 30. September 2006 erinnern sechs Stolpersteine an ermordete Jüdinnen und Juden aus Zehdenick.
Monatelang recherchierten die Schülerinnen und Schüler im Stadtarchiv, besuchten den örtlichen jüdischen Friedhof, fuhren ins Potsdamer Landeshauptarchiv und ins Centrum Judaicum nach Berlin. Das Ergebnis haben sie in mehreren Ordnern gesammelt. Während der Nachforschungen kommen überraschende Erkenntnisse zu Tage. In sämtlichen Publikationen zur Stadtgeschichte bis 1990 wurde die Zeit zwischen 1933 und 1945 komplett ausgelassen – auch in der Broschüre, die während der DDR-Zeit entstand.

stolpersteinverlegung Unter der Zehdenicker Bevölkerung sind die Meinungen zum Stolperstein-Projekt geteilt. Insgesamt spürt man eher wenig Akzeptanz. Einige können mit dem Thema nichts anfangen, wollen nichts davon wissen und sagen, es müsse mal endlich Schluss sein mit dem ewigen Gedenken. Als die Schülerinnen und Schüler auf dem Marktplatz über ihr Projekt informieren und für Spenden werben, ernteten sie meist Unverständnis. Warum werde immer nur der jüdischen Opfer gedacht? Es gebe schließlich auch andere verfolgte Gruppen und auch deutsche Opfer des Zweiten Weltkrieges. Die Schülerinnen und Schüler mussten sich Diffamierungen bis hin zu antijüdischen Ressentiments anhören. Zu einer Informationsveranstaltung werden alle Anwohner eingeladen, vor deren Häusern die Gedenksteine in den Gehweg eingelassen werden sollen. Es kommen nur zwei Personen. Einige Anwohner begründen ihre ablehnende Haltung gegenüber dem Stolperstein-Projekt mit der Angst vor rechtsextremen Übergriffen. „Wenn bei uns so ein Stolperstein vor der Haustür liegt, dann bekommen wir am Ende vielleicht Probleme mit den Rechten.“ Verstehen können die Schülerinnen und Schüler diese Haltung nicht: „Wenn man vor den Rechten Angst hat, dann hat man schon verloren.“ Erfreulich ist allerdings, dass das Projekt von Anfang an durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zehdenicker Stadtverwaltung, dem Bürgermeister, dem Landtagsabgeordneten und der Lokalpresse tatkräftig unterstützt wird. Einige Stadtverordnete spendeten persönlich für die Verlegung der Stolpersteine.

Gemeinsam mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig verlegten die Zehdenicker Schülerinnen und Schüler am 30. September 2006 die ersten sechs Stolpersteine – Pflastersteine mit Messingplatten - vor den Wohnhäusern der Verfolgten und Ermordeten. Diese erinnern an Minna Cohn, Gertrud und Kurt Markuse, Irma und Paul Moses sowie an Herta Zöllner, die bis zur Deportation nach Auschwitz oder Theresienstadt Zehdenicker Bürger waren. Durch das Erinnern vor den Häusern erhalten die Opfer wieder einen Namen. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Um die Namen lesen zu können muss man sich runter beugen und somit verbeugt man sich sinnbildlich vor den Opfern“, teilt Demnig in seiner Ansprache während der Stolpersteinverlegung mit. Schülerinnen und Schüler des Zehdenicker Oberstufenzentrums tragen die Lebensdaten der von den Nazis Ermordeten vor, singen das jüdische Lied „Hava Nagila“, rezitieren ein Gedicht von Erich Fried und legen rote Rosen auf den Asphalt, neben den golden glänzenden Messingtafeln. Es ist ein stilles Gedenken, ein Nach-Denken, das Demnig mit seinen Stolpersteinen bewirkt. „Es ist unmöglich, sich etwas im Grunde Unvorstellbares anhand einer Zahl vorzustellen“, sagt Demnig. Die Zahl sechs Millionen sei für die allermeisten Menschen ohnehin nicht erfassbar. Doch er will zeigen, dass jedes einzelne Opfer eine Biografie hatte, ein eigenes Leben, eine Wohnung, einen Beruf, vielleicht eine Familie – wie alle anderen Deutschen damals auch.

Der erfolgreiche Abschluss des Projekts „Stolpersteine für Zehdenick“ hat die engagierten Schülerinnen und Schüler, die sich nicht scheuen unbequeme Fragen zu stellen, motiviert, sich an dem Antidiskriminierungsprojekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu beteiligen.
Seit dem 5. September 2007 darf sich das Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum mit Häusern in Zehdenick und Oranienburg als erste berufsbildende Bildungseinrichtung in Brandenburg „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ nennen.



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